Michael van Gerwen kann weiterhin Turniere gewinnen und außergewöhnliche Leistungen abrufen. Was dem dreimaligen Weltmeister inzwischen fehlt, ist jedoch die Konstanz über mehrere Tage und lange Distanzen. Seit Beginn des Jahres 2023 wartet der Niederländer auf einen weiteren großen Ranking-Major. Aus einer vorübergehenden Durststrecke ist damit ein sportliches Problem geworden.
Dabei mangelte es nicht an Chancen. Seit seinem Triumph bei den Players Championship Finals 2022 erreichte „Mighty Mike“ sechs weitere große TV-Endspiele. Beim UK Open, World Matchplay und den Players Championship Finals 2023 blieb er ebenso ohne Titel wie beim Masters und World Matchplay 2024. Im Januar 2025 verlor er anschließend das WM-Finale deutlich mit 3:7 gegen Luke Littler.
Sechs Endspiele ohne Erfolg sind für einen Spieler, der seine Karriere über Jahre durch eine außergewöhnliche Abschlussstärke geprägt hat, mehr als eine unglückliche Momentaufnahme. Der 37-Jährige kommt noch immer in die entscheidenden Turnierphasen. Dort gelingt es ihm aber nicht mehr regelmäßig, sein höchstes Niveau abzurufen.
Van Gerwen verliert statistisch den Anschluss
Die Zahlen der vergangenen zwölf Monate zeigen, warum die großen Titel inzwischen schwerer zu erreichen sind. Der Niederländer spielt noch immer einen starken Average von 97,30 Punkten. Seine Doppelquote liegt bei 38,08 Prozent, während er 54,44 Prozent seiner Legs gewinnt.
Das reicht weiterhin für die erweiterte Weltspitze, liegt aber deutlich unter dem Niveau von Luke Littler. Der Weltranglistenerste kommt im gleichen Zeitraum auf einen Average von 101,37 Punkten, eine Doppelquote von 44,11 Prozent und 61,88 Prozent gewonnene Legs. Auch Gerwyn Price liegt mit 98,73 Punkten im Average, 42,53 Prozent auf die Doppel und einer Legquote von 57,06 Prozent in allen drei Bereichen vor van Gerwen.
Besonders deutlich wird der Abstand beim frühen Scoring. Nach neun Darts erreicht er durchschnittlich 106,85 Punkte. Littler liegt bei 111,66 Punkten. Damit steht der Niederländer häufiger unter Druck, bevor ein Leg überhaupt auf den Doppelfeldern entschieden wird.
Auf kurzen Distanzen kann van Gerwen diesen Rückstand noch immer mit einzelnen starken Phasen ausgleichen. Bei einem Major muss er sein Niveau jedoch über mehrere Runden und teilweise mehr als 30 Legs halten. Genau dort fehlt ihm inzwischen die frühere Stabilität.
Dass sein höchstes Niveau weiterhin vorhanden ist, bewies MvG bei Players Championship 15. Im Halbfinale gegen Martin Schindler spielte er beim 7:0 einen Average von 122,34 Punkten und gewann anschließend das Turnier. Hinzu kamen Erfolge auf der World Series. Solche Auftritte zeigen aber zugleich das zentrale Problem: Die Spitzenleistung ist noch da, erscheint jedoch nicht mehr zuverlässig.
World-Matchplay-Aus kostet drei Ranglistenplätze
Beim World Matchplay 2026 wurden die Folgen dieser Entwicklung auch in der Weltrangliste sichtbar. Van Gerwen verlor im Achtelfinale mit 12:14 gegen Dirk van Duijvenbode und konnte damit 100.000 Pfund aus seinem Finaleinzug von 2024 nicht verteidigen. Anschließend fiel er vom vierten auf den siebten Rang zurück – seine schlechteste Platzierung seit 14 Jahren.
Auch der Verlauf der Partie passte ins aktuelle Bild. Van Gerwen geriet mit 4:8 in Rückstand, kämpfte sich noch einmal heran, konnte die Begegnung aber nicht mehr drehen. Die Fähigkeit zu starken Phasen war vorhanden. Über die gesamte Distanz brachte van Duijvenbode jedoch das stabilere Spiel ans Oche.
Seine Major-Flaute entsteht daher nicht durch einen einzelnen Schwachpunkt. Sein Scoring liegt unter dem Niveau der derzeit besten Spieler, auf den Doppeln lässt er mehr Möglichkeiten liegen und über lange Distanzen werden die schwächeren Phasen häufiger bestraft. Gleichzeitig ist die Spitze enger geworden. Gegner wie Littler, Luke Humphries, Price oder Gian van Veen betreten die Bühne nicht mehr mit der Ehrfurcht, die van Gerwen während seiner dominanten Jahre einen zusätzlichen Vorteil verschaffte.
Von einem sportlichen Absturz kann trotzdem keine Rede sein. Ein Average von mehr als 97 Punkten, mehrere Turniersiege und einzelne Weltklasseauftritte belegen, dass van Gerwen weiterhin zu großen Erfolgen fähig ist. Für einen weiteren Major-Titel reicht es aber nicht, dieses Niveau für ein Match zu erreichen. MvG muss es über ein vollständiges Turnier bestätigen. Solange ihm das nicht gelingt, bleibt die Major-Flaute kein mediales Gedankenspiel, sondern ein messbares sportliches Problem.
Die nächste Gelegenheit für eine sportliche Antwort bietet die ProTour Ende August. Am 25. und 26. August stehen in Leicester die Players Championships 27 und 28 auf dem Programm, ehe van Gerwen vom 28. bis 30. August bei der Flanders Darts Trophy als gesetzter Spieler in der zweiten Runde einsteigt.










