Joe Cullen musste schon früh eine Entscheidung treffen, die weit über den Sport hinausging. Der Engländer wurde mit 18 Jahren Vater und stand gleichzeitig am Anfang seiner Darts-Karriere. Um seinen Traum vom Leben als Profi zu verfolgen, gab er seine finanzielle Sicherheit auf – obwohl seine junge Familie zeitweise kaum über die Runden kam.
Im „Tops and Tales Podcast“ sprach er offen über die schwierigen Jahre. Die Geburt seines Sohnes Travis habe seine Prioritäten grundlegend verändert. Gleichzeitig war der „Rockstar“ davon überzeugt, genügend Talent für eine Karriere am Oche zu besitzen.
„Ich war 18 und hatte gerade ein neugeborenes Kind. Es gab also klare Prioritäten“, erklärte Joe Cullen. „Es gab so viele Dinge, zwischen denen ich wählen musste, und so viele schwierige Entscheidungen für mich und meine Frau.“ Er arbeitete damals rund zwölf bis 18 Monate als Postbote. Die Verbindung aus Beruf und Darts wurde jedoch zunehmend schwieriger, weil ihm sein Arbeitgeber die benötigte Freizeit für Turniere nur unbezahlt gewähren wollte.
„Wir mussten uns zwischen Arbeit und Darts entscheiden, weil mir die Arbeit keine freie Zeit gab“, erinnerte sich Cullen. „Ich hatte einen kleinen Sohn und dachte: ‚Okay, ich glaube, ich kann gut genug im Darts sein.‘ Meine Frau und ich haben deshalb einfach auf mich gesetzt.“
Eine finanzielle Absicherung gab es nicht. Während Cullens Frau arbeitete, trainierte er zu Hause für die Chance, sich auf dem PDC-Circuit durchzusetzen. Zeitweise musste sich das Paar Geld bei den Eltern leihen.
„Wir haben alles durchgemacht. Wir waren pleite und mussten uns Geld von unseren Eltern leihen, nur um über die Runden zu kommen“, sagte Cullen. Die Verantwortung habe ihn deutlich früher erwachsen werden lassen als viele andere Nachwuchsspieler. Seine sportliche Entwicklung sei dadurch zunächst langsamer verlaufen.
Joe Cullen musste um Preisgeld spielen
Die angespannte finanzielle Situation veränderte auch seine Einstellung zu den Turnieren. Heute geht es für ihn vor allem um Ranglistenpositionen und die Qualifikation für die großen TV-Wettbewerbe. In seinen Anfangsjahren war das Preisgeld dagegen für den Alltag seiner Familie entscheidend.
„Wenn ich am Wochenende zu einem Turnier gefahren bin, war es damals: ‚Ich muss gewinnen, weil ich das Geld brauche‘“, erklärte der 37-Jährige. „Heute heißt es eher: ‚Ich muss für die Rangliste gewinnen.‘ Natürlich brauche ich das Geld noch immer, aber gerade auf der ProTour ist es inzwischen eher zweitrangig.“
Auch die Teilnahme an jedem Turnier war nicht möglich. Reise-, Übernachtungs- und Startkosten zwangen den Engländer dazu, genau auszuwählen, welche Wettbewerbe er sich leisten konnte. Während etablierte Profis heute Veranstaltungen auslassen, um mehr Freizeit zu haben, musste der Engländer damals aus finanziellen Gründen verzichten.
Als das Geld erneut knapp wurde, unterstützte ihn zunächst sein Onkel. Später meldete sich der damalige PDC-Turnierdirektor Tommy Cox, der ihn gemeinsam mit seinem Sohn managen und finanziell unterstützen wollte. Erst dadurch wurden die Sorgen um Startgelder und Turnierreisen kleiner.
Sportlich zahlte sich das große Risiko aus. Im Januar 2022 feierte Cullen seinen bis heute größten Erfolg. In der Marshall Arena in Milton Keynes gewann er The Masters durch einen 11:9-Finalsieg gegen Dave Chisnall. Es war sein erster großer PDC-TV-Titel. Wenige Monate später erreichte er zudem das Finale der Premier League.
Aktuell steht Cullen auf Rang 31 der PDC Order of Merit und kämpft damit um seinen Platz unter den besten 32 der Welt. Der Druck ist heute ein anderer: Eine Niederlage entscheidet nicht mehr darüber, ob seine Familie die Rechnungen bezahlen kann. Die schwierigen Anfangsjahre erklären jedoch, weshalb der „Rockstar“ seine Karriere und seine Möglichkeiten bis heute nicht als selbstverständlich betrachtet.










