Im Darts wird gern zuerst auf den Average geschaut. Wer hoch scored, wirkt gefährlich. Wer viele 180er wirft oder einen starken First-9-Average spielt, sieht nach Form aus. Und wer in der Weltrangliste weit oben steht, gilt automatisch als Maßstab. Doch genau hier beginnt das Problem: Diese Werte erzählen viel – aber nicht immer die ganze Wahrheit.
Der Average zeigt, wer viele Punkte wirft. Der First-9-Average zeigt, wer früh im Leg Druck aufbaut. Der OChE-Wert geht einen Schritt weiter: Er zeigt, wie gut ein Spieler seine Leistung tatsächlich in gewonnene Legs verwandelt. Genau deshalb ist der Blick auf diese Effizienz-Wertung so spannend. Sie macht sichtbar, was im Darts oft wichtiger ist als ein hoher Schnitt: die Verwertung.
Auch der Ranglistenplatz kann dabei täuschen. Die Order of Merit zeigt, wer über einen längeren Zeitraum Preisgeld gesammelt hat. Sie sagt aber nicht automatisch, wer in den letzten Wochen die gefährlichste Form ans Board bringt. Genau deshalb lohnt sich der Blick auf die aktuellen Formwerte von PDC-Statistiker Christopher Kempf. Bewertet werden die letzten 200 gespielten Legs der Tour-Card-Spieler nach den US Darts Masters 2026.
Dabei geht es nicht nur darum, wer viele Punkte wirft oder früh im Leg Druck aufbaut. Entscheidend ist auch, wer daraus tatsächlich gewonnene Legs macht. Und in dieser Betrachtung ist Luke Humphries aktuell das Maß der Dinge.
Der Engländer ist der einzige Tour-Card-Spieler, der über seine letzten 200 Legs einen Average von mehr als 100 Punkten spielt. Noch wichtiger: Humphries führt nicht nur beim Average, sondern auch beim OChE-Rating. Damit ist Humphries derzeit nicht einfach nur ein starker Scorer, sondern der kompletteste Spieler im Feld.
Humphries kontrolliert, Littler explodiert
Besonders interessant wird es im Vergleich mit Luke Littler. Der Weltmeister bleibt in einzelnen Bereichen brutaler. Bei Legs, die bis zum Ende der vierten Aufnahme entschieden werden, ist Littler sogar leicht effizienter als Humphries. Auch bei den 171- bis 180-Scores führt Littler das Feld an. Das passt zu seinem Spiel: explosiv, direkt, maximaler Druck über schwere Scores.
Humphries’ Stärke liegt jedoch in der Kontrolle über längere Legs. Wenn ein Leg nicht sofort in zwölf Darts oder weniger entschieden wird, sondern in den Bereich von 15 Darts geht, zieht Humphries davon. Laut Kempfs Auswertung gewinnt Humphries 61 Prozent seiner Legs in 15 Darts oder weniger. Der Durchschnitt der Tour-Card-Inhaber liegt bei 29 Prozent.
Das ist der Unterschied zwischen spektakulärer Scoring-Gefahr und dauerhafter Matchkontrolle. Littler bleibt der Spieler, der ein Match in wenigen Aufnahmen sprengen kann. Humphries ist aktuell der Spieler, der über viele Legs hinweg am stabilsten gewinnt. Das eine ist Explosion. Das andere ist Kontrolle.
Genau hier zeigt sich, warum OChE mehr verraten kann als der reine Average. Ein hoher Schnitt sieht stark aus. Aber erst wenn daraus regelmäßig gewonnene Legs werden, entsteht echte Dominanz. Bei Humphries passt derzeit beides zusammen.
Nijman, Bunting und de Graaf: Effizienz hat viele Gesichter
Auch Wessel Nijman passt perfekt in dieses Bild. Der Niederländer ist der beste Spieler außerhalb der beiden Lukes, wenn es um gewonnene Legs in 15 Darts oder weniger geht. Seine Quote liegt bei 47,7 Prozent. Damit steht Nijman nicht nur wegen einzelner Ergebnisse oder Ranglistenbewegungen im Fokus, sondern weil seine Leistungsdaten zeigen, dass er auf einem Niveau spielt, das deutlich über einen normalen Formlauf hinausgeht.
Gerade bei Nijman kann der reine Ranglistenplatz den Blick verengen. Wer nur auf die Order of Merit schaut, sieht vor allem Preisgeld und Position. Wer tiefer in die aktuellen Formwerte blickt, erkennt einen Spieler, der seine Legs immer häufiger in einem Tempo gewinnt, das klar in Richtung Topniveau zeigt.
Dazu kommt: Nijman steht gemeinsam mit Stephen Bunting an der Spitze bei den hohen Checkouts im Bereich 99 beziehungsweise 101+. Das ist mehr als eine nette Statistik. Hohe Finishes verändern Matches. Sie nehmen dem Gegner Legs weg, die eigentlich offen wirken, und sorgen dafür, dass Scoring-Druck auch wirklich in Ergebnissen landet.
Bunting ist in dieser Hinsicht vielleicht der interessanteste Effizienzspieler der aktuellen Auswertung. Sein Average ist nicht der höchste im Feld, doch sein OChE-Wert zeigt, dass er seine Leistung besser in gewonnene Legs übersetzt als mehrere Spieler mit höherer Scoring-Power. Nach starken Floor-Ergebnissen, neun Siegen in zwei aufeinanderfolgenden Pro-Tour-Turnieren und einem 164er-Finish beim US Darts Masters kletterte Bunting im OChE-Ranking auf Rang sechs.
Das erklärt, warum Bunting aktuell gefährlicher wirkt, als eine reine Average-Liste vermuten lässt. Er muss nicht dauerhaft der lauteste Scorer im Feld sein. Entscheidend ist, dass er seine Chancen nutzt. Genau deshalb können reine Average-Werte täuschen: Ein Spieler mit etwas weniger Scoring, aber besserem Timing, besseren Checkouts und höherer Leg-Effizienz kann im Match gefährlicher sein als ein Spieler, der optisch mehr Druck macht.
Jeffrey de Graaf liefert dazu den nächsten Beleg. Er führt laut Auswertung die Doppelquote an. Auf den ersten Blick klingt das weniger spektakulär als ein 100er-Average oder eine Flut an 180ern. Im Match ist es aber oft der härtere Wert. Denn auf den Doppeln entscheidet sich, ob ein guter Score nur gut aussieht – oder ob daraus tatsächlich ein gewonnenes Leg wird.
Rydz zeigt das Risiko starker Scoring-Werte
Callan Rydz ist die andere Seite. Bei ihm sieht man, wie stark Scoring wirken kann – und warum es trotzdem nicht reicht. Rydz hat seinen Average innerhalb eines Monats um fast fünf Punkte gesteigert. Das ist ein ungewöhnlich großer Sprung in kurzer Zeit. Dazu gewann er bei Players-Championship-Events zweimal sein Board-Finale und schlug dabei unter anderem Gerwyn Price und Rob Cross.
Das ist keine Kleinigkeit. Price und Cross sind Spieler, gegen die man nicht einfach nebenbei gewinnt. Solche Siege zeigen, dass Rydz mit seinem Scoring jeden Gegner unter Druck setzen kann. An einem guten Tag ist „The Riot“ ein Spieler, den niemand früh im Turnier haben will.
Aber genau danach wird es etwas kompliziert. Rydz verlor im Anschluss auch gegen Adam Leek und Richard Veenstra – Spieler, die er nach den Formwerten eigentlich klar hinter sich lassen müsste. Diese Ergebnisse machen sein Problem greifbar: Die Spitze ist hoch, aber die Schwankung bleibt groß.
Der Hauptgrund liegt auf den Doppeln. Rydz hat unter den Top-16-Spielern nach Average die schwächste Doppelquote. Damit wird er zum klassischen Risiko-Profil: stark genug, um Price oder Cross aus einem Turnier zu nehmen, aber anfällig genug, um sich gegen Leek oder Veenstra selbst auszubremsen. Genau deshalb erzählt sein Average nur einen Teil der Geschichte.
Auch hier kann der Ranglistenplatz täuschen. Rydz’ aktuelle Form ist nicht einfach gut oder schlecht. Sie ist gefährlich, aber fragil. Sein Scoring zeigt Topniveau, seine Verwertung bleibt das Risiko. Wer nur auf Average oder einzelne Siege schaut, bekommt deshalb ein unvollständiges Bild.
Van Duijvenbode zeigt, warum Scoring allein nicht reicht
Noch deutlicher wird dieser Punkt bei Dirk van Duijvenbode. Der Niederländer bleibt einer der kräftigsten Scorer im PDC-Feld. 77 Maximums in den letzten 200 Legs sind ein starker Wert. Nur vier Spieler liegen darüber, darunter aus dem jüngsten Premier-League-Feld lediglich Littler. Auf dem Papier klingt das nach massiver Gefahr.
Die Realität ist aber schwieriger. Van Duijvenbode hat in seinen letzten 200 Legs nur sechs dreistellige Checkouts getroffen und kommt auf eine Doppelquote von 35 Prozent. Dazu verzeichnete er im Juni den größten Rückgang im OChE-Rating. Der Effekt ist klar: Er baut mit Scores Druck auf, löst die Legs aber nicht konsequent genug auf.
Auch seine European-Tour-Situation passt dazu. Trotz neun gespielter Events steht van Duijvenbode aktuell außerhalb der Qualifikationsplätze für die European Championship. Für einen dreimaligen European-Tour-Finalisten ist das ein Warnsignal. Nicht, weil sein Scoring verschwunden wäre. Sondern weil Scoring allein nicht mehr reicht, wenn Doppel, High Finishes und Effizienz nicht mitziehen.
Van Duijvenbodes Scoring sieht weiterhin gefährlich aus, doch der OChE-Wert zeigt, dass aus dieser Wucht aktuell zu wenig Ertrag entsteht. Genau darin liegt der Unterschied zwischen stark aussehen und stark gewinnen.
Warum der Ranglistenplatz nicht alles erzählt
Die Kernaussage ist klar: Der Average bleibt wichtig, aber er ist nicht die ganze Wahrheit. Der First-9-Average zeigt, wer früh im Leg Druck aufbaut. Der OChE-Wert zeigt, wer diese Leistung in gewonnene Legs übersetzt. Und der Ranglistenplatz zeigt vor allem, wer über längere Zeit Preisgeld gesammelt hat – nicht zwingend, wer gerade am gefährlichsten spielt.
Littler steht für maximale Scoring-Wucht. Humphries verbindet Scoring mit Kontrolle. Nijman und Bunting beweisen, wie wertvoll High Finishes und Leg-Effizienz sind. De Graaf zeigt, dass Doppelqualität ein eigener Formwert ist. Rydz und van Duijvenbode wiederum machen deutlich, wie schnell starke Scoring-Zahlen verpuffen können, wenn die Verwertung nicht stimmt.
Deshalb reicht im Darts kein einzelner Wert mehr aus. Der Average zeigt die Scoring-Basis. Der First-9-Average zeigt den frühen Druck. Doppelquote und High Finishes zeigen die Abschlussqualität. Der OChE-Wert bündelt die entscheidende Frage: Wer macht aus seiner Leistung wirklich Legs?
Genau dort liegt aktuell der Unterschied zwischen guter Form, echter Dominanz und gefährlicher Unberechenbarkeit. Scoring allein reicht nicht. Und manchmal erzählt der Ranglistenplatz eben nur, wo ein Spieler steht – nicht, wie gefährlich er gerade wirklich ist.










