Die Grauzone, die die PDC nicht regeln will – Alkohol als Matchvorbereitung

Dennis Priestley hat nicht vorsichtig angedeutet. Im Gespräch mit BILD hat der zweifache Weltmeister ausgesprochen, worüber im modernen Darts kaum jemand offen reden will: Alkohol spielt nach seiner Einschätzung auch heute noch eine Rolle, wenn Spieler vor Matches ihre Nerven in den Griff bekommen wollen. „Alkohol beruhigt einfach die Nerven“, sagte Priestley. Und er ergänzte: „Man muss einfach genau wissen, wie viel man braucht, um die Nerven zu behalten.“

Damit ist der Kern der Debatte gesetzt. Es geht nicht um Fans mit Bierbechern, nicht um Pub-Romantik und nicht um die alte Geschichte, dass Darts aus der Kneipe kommt. Priestley spricht über Profis. Über Spieler hinter der Bühne. Über Druck. Und über ein Mittel, das im Darts seit Jahrzehnten mitschwingt: Alkohol.

Genau deshalb ist seine Aussage so brisant. Im Darts geht es nicht nur darum, gut werfen zu können. Es geht darum, ruhig zu bleiben, wenn der Arm schwer wird, das Doppel kleiner aussieht und ein einziges Leg über Preisgeld, Ranglistenpunkte oder das Turnier entscheidet. Wer in diesem Moment entspannter bleibt, hat einen Vorteil. Wer verkrampft, verliert Kontrolle.

Wenn der Drink zur Matchvorbereitung wird

Entscheidend ist nicht nur, dass Priestley über Alkohol spricht. Entscheidend ist, wie er darüber spricht. Es geht um Dosierung. Um die richtige Menge. Um den Punkt, an dem ein Spieler entspannt genug ist, um ruhig zu werfen, aber noch nicht so beeinträchtigt, dass Timing, Konzentration oder Koordination kippen.

Drei, vier oder fünf Drinks können einen Spieler vielleicht in den Bereich bringen, in dem die Nervosität nachlässt. Der Arm wirkt lockerer, der Kopf ruhiger, der erste Dart fällt leichter. Der nächste Drink kann dasselbe System aber kippen lassen. Dann wird aus Entspannung Unsauberkeit. Aus Ruhe wird Trägheit. Aus Kontrolle wird Kontrollverlust.

Genau diese schmale Linie macht das Thema so heikel. Alkohol funktioniert in diesem Zusammenhang nicht wie ein normales Getränk, sondern wie ein Mittel, mit dem ein bestimmter Zustand hergestellt werden soll. Nicht im klassischen Anti-Doping-Sinn. Aber in der Logik ist es ähnlich: Ein Spieler nimmt etwas zu sich, um seine Wettkampfleistung in eine bestimmte Richtung zu beeinflussen.

Im Darts ist dieser Punkt besonders brisant, weil Nervenkontrolle ein zentraler Leistungsfaktor ist. Es geht nicht um 90 Minuten Laufarbeit wie im Fußball. Es geht um Millimeter, Timing, Rhythmus und Wiederholbarkeit. Wer ruhiger steht, ruhiger atmet und ruhiger auslöst, kann besser treffen. Wenn Alkohol genau dafür eingesetzt wird, ist das keine Nebensache mehr.

Priestley kennt diese Welt. Er war Weltmeister, er kennt die alte Darts-Kultur und er hat offen darüber gesprochen, dass Alkohol in seiner eigenen Karriere eine Rolle spielte. Über die frühere Trinkkultur sagte er: „Das war damals die Kultur des Sports. Niemand fand das ungewöhnlich. Es gehörte einfach dazu.“

Heute sieht der Dartsport anders aus. Die PDC verkauft ein professionelles TV-Produkt. Die Arenen sind voll, die Kalender eng, die Preisgelder hoch. Spieler reden über Fitness, Ernährung, Mentaltraining und Vorbereitung. Luke Humphries steht für Disziplin und körperliche Veränderung. Luke Littler, Gian van Veen und Wessel Nijman stehen für eine neue Generation, die den Sport jünger und moderner wirken lässt.

Aber neue Gesichter löschen alte Mechanismen nicht automatisch aus.

Priestley sagte es schon früher deutlich

Neu ist Priestleys Haltung nicht. Bereits 2023 wurde er gegenüber OLBG, wie The Sun berichtete, noch klarer. Damals sagte Priestley: „Spieler würden vor Matches definitiv trinken.“

Das ist keine weiche Andeutung. Das ist eine klare Aussage. Priestley nannte keine Namen, aber genau dadurch wird das Thema nicht kleiner. Es geht nicht um eine öffentliche Verdächtigenliste. Es geht um ein Muster, das im Darts offenbar seit Jahren bekannt ist, aber nur selten offen ausgesprochen wird.

In demselben Zusammenhang sprach Priestley auch über seine eigene Karriere. Ohne Alkohol hätte er im Sport wahrscheinlich nichts gewonnen, erklärte er damals sinngemäß. Bei seinem WM-Titel 1994 soll er vor dem Gang auf die Bühne mehrere Bier getrunken haben. Aus heutiger Sicht klingt das fast absurd – zeigt aber, wie tief Alkohol im alten Darts verankert war.

Der entscheidende Punkt ist: Priestley erzählt das nicht nur als Anekdote aus einer anderen Zeit. Er verbindet es mit der Gegenwart. Und genau das macht die Debatte für den modernen Dartsport unbequem.

Denn wenn Alkohol vor dem Match gezielt genutzt wird, um besser mit Druck umzugehen, dann ist das ein Leistungsfaktor. Nicht jeder Spieler wird trinken. Nicht jeder Spieler wird davon profitieren. Aber wenn ein zweifacher Weltmeister sagt, dass Spieler vor Matches trinken, reicht es nicht, das als altes Kneipenklischee abzutun.

Warum die PDC genauer hinsehen sollte

Genau hier wird die Haltung der PDC problematisch. Geschäftsführer Matt Porter sieht keinen akuten Kontrollbedarf. „Wir haben nicht das Gefühl, dass das etwas ist, das kontrolliert werden muss“, sagte Porter. „Einfach deshalb, weil es kein Problem ist, das außer Kontrolle gerät.“

Porter zog zudem sinngemäß den Vergleich zu Harry Kane. Würde Kane vor einem Spiel für Bayern München zwei Bier trinken, gebe es keine Regel, die ihm das verbiete. Dasselbe Prinzip gelte hier.

Dieser Vergleich klingt locker, trifft den Darts aber nicht. Im Fußball wäre ein Spieler mit zwei Bier vor dem Spiel sportlich kaum ernsthaft vorstellbar. Im Darts wird genau darüber diskutiert, weil der Effekt anders gelagert ist. Alkohol kann Laufleistung, Reaktion und Ausdauer verschlechtern. Aber bei einem Präzisionssport, in dem Ruhe und Lockerheit entscheidend sind, kann ein Spieler glauben, dass eine bestimmte Menge ihm kurzfristig hilft.

Das macht die Sache nicht harmloser. Es macht sie gefährlicher.

Denn wenn Alkohol vor dem Match gezielt genutzt wird, um besser mit Druck umzugehen, entsteht eine Grauzone. Alkohol steht nicht automatisch im klassischen Anti-Doping-Katalog, kann aber sportartspezifisch geregelt werden. Genau deshalb reicht der Verweis auf Eigenverantwortung nicht aus. Darts ist kein normaler Kneipenabend, wenn Preisgeld, Ranglistenpunkte und Karrieren auf dem Spiel stehen.

Die PDC muss deshalb genauer trennen. Ein Bier im Hotel am freien Abend ist nicht dasselbe wie Alkohol kurz vor einem Match. Ein Fan mit Pint auf der Tribüne ist nicht dasselbe wie ein Profi, der vor dem Gang ans Board seine Nerven beruhigt. Und Pub-Kultur ist nicht dasselbe wie Wettkampfvorbereitung.

Gerade weil Darts aus der britischen Pub-Kultur kommt, reicht es nicht, Alkohol nur von der TV-Bühne zu verbannen. Wenn das eigentliche Problem hinter der Bühne, im Practice Room oder bei Floor-Events beginnt, muss auch dort klarer geregelt werden.

Kein Pub-Klischee, sondern Leistungsfrage

Das alte Bild vom Dartsprofi mit Bierbauch und Pint ist bequem. Man kann darüber lachen, es nostalgisch erzählen oder als Klischee abtun. Aber Priestleys Aussagen machen das Thema ernster. Es geht nicht darum, ob Darts früher ein Kneipensport war. Es geht darum, ob Alkohol im modernen Profi-Darts noch immer als Mittel gegen Druck eingesetzt wird.

Wenn ja, dann betrifft es Fairness, Professionalität und Image.

Im Hochleistungssport wird ständig über Leistungsbeeinflussung gesprochen: über verbotene Substanzen, Schmerzmittel, Beruhigungsmittel, Supplements, Ernährung, Schlaf und mentale Routinen. Darts sollte sich nicht damit herausreden, dass Alkohol nicht in dieselbe Schublade fällt wie klassische Dopingmittel. Entscheidend ist die Funktion: Wird etwas genommen, um im Wettkampf besser zu funktionieren?

Bei Alkohol lautet die Antwort nach Priestleys Aussagen offenbar: ja, zumindest bei manchen.

Namen nennt er nicht. Das muss er auch nicht. Der Artikel braucht keine Verdächtigenliste. Die Aussage eines zweifachen Weltmeisters reicht, um die Debatte zu führen. Priestley hat nicht gesagt, dass früher getrunken wurde und heute alles vorbei sei. Er sagt, dass Alkohol auch heute noch genutzt werde, um mit Nervosität umzugehen.

Darts ist heute größer, professioneller und sauberer inszeniert als je zuvor. Aber wenn Spieler vor Matches trinken, um ruhiger zu werden, trägt der Sport ein altes Problem weiter mit sich herum. Nicht auf der Bühne sichtbar. Nicht unbedingt im Walk-on. Aber dort, wo ein Match wirklich beginnt: vor dem ersten Dart.

Die PDC sollte das nicht kleinreden. Sie sollte es klar regeln.

Denn Alkohol im Darts ist nicht nur Folklore. Wenn er gezielt gegen Nerven eingesetzt wird, ist er Teil der Leistungsvorbereitung. Und dann reicht es nicht, zu sagen, es sei noch nicht außer Kontrolle geraten.

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