Nick Kenny reist nicht als Gerwyn Price nach Frankfurt. Genau das weiß er selbst am besten. Der Waliser ersetzt beim World Cup of Darts ausgerechnet einen Spieler, der dieses Turnier mit Jonny Clayton geprägt hat wie kaum ein anderes Duo der vergangenen Jahre. Price und Clayton wurden gemeinsam Weltmeister, standen mehrfach im Finale und machten Wales im Teamformat zu einer echten Macht.
Jetzt fehlt Price. Und Kenny steht plötzlich dort, wo normalerweise einer der lautesten, erfolgreichsten und auffälligsten Spieler des Landes steht. Das kann man als Bürde sehen. Oder als Chance.
Gegenüber talksport formulierte Kenny es vor dem Turnier ziemlich direkt: „Ich bin vielleicht nicht Gerwyn Price, aber ich bin auch kein Schwächling.“ Dieser Satz ist mehr als Trotz. Er ist die passende Überschrift über seine Rolle. Kenny muss nicht Price kopieren. Er muss nur beweisen, dass Wales mit ihm mehr bekommt als einen Notnagel.
Kenny bekommt keine kleine Aufgabe
Wales spielt in Frankfurt in Gruppe C gegen Litauen und Thailand. Auf dem Papier ist das eine machbare Gruppe. Aber für Kenny ist es trotzdem kein sanfter Einstieg. Wales wird an seiner Vergangenheit gemessen — und die ist im World Cup groß.
Mit Price und Clayton gewann Wales 2020 und 2023 den Titel, 2025 stand das Duo erneut im Finale. Ohne The Iceman verändert sich fast alles: Setzung, Erwartung, Rollenverteilung und öffentliche Wahrnehmung. Jonny Clayton ist nun noch klarer der Anker. Kenny ist der Mann, auf den viele zuerst schauen, wenn etwas wackelt.
Genau darin liegt die Schwierigkeit. Kenny darf nicht nur „dabei sein“. Er muss schnell funktionieren. Im Doppelspiel teilen sich beide Spieler denselben Punktestand, dieselben Restwege und denselben Druck. Wenn einer schwächelt, bekommt der andere die Folgen direkt serviert.
Mehr als nur Price-Ersatz
Kenny wirkt sich seiner Rolle durchaus bewusst. Er wusste offenbar schon eine Weile, dass Price möglicherweise nicht antreten würde, wollte aber erst wirklich daran glauben, als die offizielle Bestätigung kam. Das ist nachvollziehbar. Zwischen „vielleicht fährst du“ und „du spielst den World Cup für Wales“ liegt ein großer Unterschied.
Kenny selbst sieht den Druck nicht nur als Last. Er sagte, er lebe ein Stück weit davon, in einem walisischen Trikot habe er immer gut gespielt. Vielleicht sei dies seine einzige Chance, den World Cup of Darts zu spielen — also wolle er sie nutzen. Genau das macht seine Rolle interessant: Er klingt nicht wie ein Spieler, der sich für die Bühne entschuldigt. Er klingt wie einer, der weiß, dass diese Tür nicht oft aufgeht.
Interessant ist auch: Kenny kommt nicht aus dem Nichts. Er hat Wales schon früher vertreten, kennt Clayton aus gemeinsamen walisischen Team-Zeiten und ist kein Spieler, der erst seit gestern auf der Tour steht. Trotzdem fühlt sich diese Nominierung anders an. Der World Cup of Darts ist keine normale Bühne, und Wales ist kein normales Team, wenn der Name Price fehlt.
Deshalb ist der Druck doppelt. Kenny muss nicht nur für sich spielen, sondern auch gegen einen Vergleich, den er gar nicht gewinnen kann. Niemand erwartet ernsthaft, dass er Gerwyn Price eins zu eins ersetzt. Aber viele werden sehr genau darauf achten, ob Wales durch ihn deutlich an Wucht verliert.
Clayton braucht keinen zweiten Price
Für Wales könnte genau das der Schlüssel sein. Clayton braucht neben sich nicht zwingend einen zweiten Price. Er braucht einen Partner, der ruhig bleibt, sauber stellt, wichtige Doppel trifft und sich von der Rolle nicht auffressen lässt.
Kenny muss nicht der lauteste Spieler auf der Bühne sein. Er muss nicht den Gegner einschüchtern oder den ganzen Abend tragen. Seine Aufgabe ist kleiner formuliert, aber sportlich schwer genug: Wales stabil halten, Clayton entlasten und im richtigen Moment zeigen, dass er nicht nur Lückenfüller ist.
Das macht seinen World Cup so spannend. Für Price wäre Frankfurt ein weiterer Auftritt in einer großen Teamgeschichte gewesen. Für Kenny kann es ein Karriere-Moment werden.
Wales reist nicht in Bestbesetzung an. Das ist offensichtlich. Aber vielleicht liegt genau darin Kennys Chance. Wenn er in Frankfurt funktioniert, spricht hinterher niemand mehr nur darüber, wer fehlt. Dann spricht man darüber, wer die Lücke genutzt hat.










