Darts wird professioneller. Mehr Preisgeld, mehr Daten, mehr Training, mehr Betreuung. Und natürlich taucht dann irgendwann eine Frage auf, die früher kaum jemand gestellt hätte: Braucht ein Dartprofi eigentlich einen Coach?
Joe Cullen beantwortet diese Frage nicht mit einem klaren Nein. Genau das macht seine Aussagen interessant. Der Engländer lehnt Coaching im Darts nicht grundsätzlich ab. Aber er schaut sehr genau darauf, wer sich in dieser wachsenden Szene plötzlich als Helfer, Berater oder Experte positioniert.
Gegenüber Winmau erklärte Joe Cullen, er wäre nicht dagegen. Wirklich reputabel sei für ihn aktuell aber vor allem Wayne Mardle. Glen Durrant nannte er vorsichtig als möglichen weiteren Namen, schob aber gleich hinterher, dass er von dessen Arbeit noch nicht viel gesehen habe.
Dann kam der Satz, der hängen bleibt. Es gebe Leute, die Coaching-Kurse machten, bei denen der Engländer denke: „Du kannst das Spiel nicht spielen.“
Das ist hart. Aber es ist auch die klassische Darts-Frage in einem Sport, der gerade versucht, moderner zu werden. Muss ein Coach selbst auf Topniveau gespielt haben, um einem Profi helfen zu können? Oder reicht es, Muster zu erkennen, Routinen zu strukturieren, mentale Abläufe zu verbessern und den Spieler aus der eigenen Betriebsblindheit zu holen?
„The Rockstar“ sieht diesen Widerspruch selbst. Er verwies auf Roger Federer und dessen Coach. Der könne schließlich auch nicht Tennis auf Federer-Niveau spielen. Cullens Fazit: „Es muss irgendwo eine Logik geben.“
Darts sucht noch seine Coaching-Kultur
Genau dort liegt der Kern. In vielen Sportarten ist Coaching selbstverständlich. Niemand erwartet, dass ein Fußballtrainer schneller läuft als sein Stürmer oder ein Tenniscoach besser spielt als ein Grand-Slam-Sieger. Im Darts ist das anders, weil der Sport lange aus einer anderen Kultur kam. Vieles lief über Erfahrung, Bauchgefühl, Trainingspartner, Manager, Umfeld – aber selten über eine klar definierte Coaching-Struktur.
Jetzt wächst eine neue Szene. Technikcoaches, Mentaltrainer, Analysten, ehemalige Profis, Onlinekurse. Für manche ist das der nächste logische Schritt. Für andere riecht es nach Leuten, die aus der Professionalisierung ein Geschäftsmodell machen wollen, ohne wirklich zu wissen, wie sich ein Leg unter Druck anfühlt.
Der 36-Jährige steht irgendwo zwischen diesen Polen. Er lehnt Hilfe nicht ab. Aber er zweifelt an der Glaubwürdigkeit mancher Angebote. Und diese Skepsis ist nicht einfach altmodisch. Sie ist auch ein Schutzreflex eines Profis, der weiß, dass Darts am Ende nicht auf einem Whiteboard entschieden wird.
Besonders spannend wird seine Kritik, weil er selbst die mentale Seite des Spiels stark betont. Cullen erklärte, dass ihn große Gegner auf der Bühne durchaus beeinflussen können, weil er gern sieht, was der Gegner wirft. Gegen kleinere Spieler könne er leichter über die Schulter schauen, bei großen Spielern müsse er sich teilweise bewegen, um zu erkennen, was passiert.
Das klingt im ersten Moment fast nebensächlich. Ist es aber nicht. Es zeigt, wie fein die Störfaktoren im Darts sein können. Ein Blickwinkel, ein Rhythmus, ein Name im Kopf, ein großes Match. Cullen sagte sinngemäß: Man könne zwar behaupten, man spiele nur gegen das Board. Aber wenn eine große Chance komme, wisse man sehr genau, gegen wen man spiele.
Sein entscheidender Satz: „Die mentale Seite ist die größte Herausforderung im Darts, viel mehr als die technische Seite.“
Und genau damit landet Cullen wieder bei der Trainerfrage. Wenn Darts vor allem mental brutal ist, dann kann Coaching sinnvoll sein. Aber nur, wenn es mehr ist als ein Kurs, ein Etikett oder ein paar Standardratschläge. Profis brauchen keine Binsenweisheiten. Sie brauchen jemanden, der versteht, was passiert, wenn der Arm schwer wird, obwohl der Wurf technisch noch derselbe ist.
Cullen hat mit seiner Kritik also nicht einfach die Coaching-Szene weggewischt. Er hat eine berechtigte Grenze gezogen. Darts darf professioneller werden. Aber wer Profis helfen will, muss mehr mitbringen als den Titel „Coach“.
Vielleicht ist genau das der nächste Entwicklungsschritt im modernen Darts: nicht ob Coaching dazugehört, sondern wer wirklich gut genug ist, um auf diesem Niveau etwas zu verändern.










