Gian van Veen steht in New York vor einem besonderen Moment. Der 23-jährige Niederländer gibt bei den US Darts Masters sein Debüt im Madison Square Garden und trifft in der ersten Runde auf Fred Krueger. Für ihn ist es nicht nur ein weiterer World-Series-Auftritt, sondern auch ein Symbol dafür, wie schnell sich seine Karriere verändert hat.
Vor rund eineinhalb Jahren war der Niederländer noch als Tourist in New York unterwegs. Damals schickte er Jules van Dongen ein Foto vom Madison Square Garden und scherzte, er sei wohl „sechs Monate zu früh“ dort. Nun steht er selbst auf der Bühne. „Das hätte ich damals wirklich nicht gedacht“, sagte van Veen im Gespräch mit Online Darts.
Doch der große Rahmen kommt für ihn nach Monaten, die deutlich komplizierter waren als sein Ranglistenplatz vermuten lässt. „The Giant“ gehört längst zur erweiterten Weltspitze, erlebte nach seinem rasanten Aufstieg aber eine Phase, in der gesundheitliche Probleme, Materialfragen und die Premier League an ihm nagten. Rückblickend spricht er erstaunlich offen darüber, dass er sich zeitweise selbst kaum wiedererkannte.
„Wenn ich mir manche Partien anschaue, denke ich: Das bin ich überhaupt nicht“, sagte der 23-Jährige im weiteren Verlauf des Gespräches. Gemeint waren nicht nur Ergebnisse oder Averages, sondern auch seine Ausstrahlung am Oche. Er sei nach Niederlagen emotionaler gewesen als früher und wolle genau das wieder ändern.
World Cup gibt van Veen neuen Schub
Ein wichtiger Schritt zurück zu mehr Ruhe war für den Weltranglistendritten der World Cup of Darts. Gemeinsam mit Michael van Gerwen erreichte er für die Niederlande das Finale, verlor dort aber gegen England mit Luke Littler und Luke Humphries. Trotzdem nahm van Veen aus dem Turnier viel Positives mit.
„Der World Cup hat mir wirklich den Schub gegeben, den ich gebraucht habe“, erklärte er. Vor allem das Gefühl auf der Bühne sei entscheidend gewesen. Nach anfänglicher Nervosität an der Seite von van Gerwen habe er schnell gemerkt, dass er wieder freier spielen konnte. „Ab diesem Moment fühlte ich mich eigentlich sehr wohl auf der Bühne. Das war lange her.“
Diese Aussage macht den Kern der Geschichte aus. Gian van Veen beschreibt keine Krise, die mit einem einzelnen Ergebnis plötzlich erledigt ist. Es geht eher um einen Prozess: wieder Vertrauen spüren, wieder normal reagieren, wieder der Spieler werden, der ihn überhaupt in diese Position gebracht hat.
Die Premier League spielte dabei eine besondere Rolle. Woche für Woche gegen die absolute Spitze anzutreten, klingt von außen wie eine Auszeichnung. Für einen Debütanten kann es aber auch eine Belastung sein. „Du spielst jede Woche gegen die besten Spieler der Welt. Dann verlierst du automatisch öfter Matches“, sagte „The Giant“. Genau das habe Spuren hinterlassen: „Das macht etwas mit deinem Selbstvertrauen.“
Gleichzeitig ordnet van Veen seine Lage realistisch ein. Durch seinen Aufstieg haben sich die Erwartungen verändert, nicht aber automatisch sein Leistungsniveau. „Mein Average ist nicht plötzlich um zehn Punkte höher geworden“, sagte er. Der Satz passt zu einem Spieler, der gerade lernen muss, mit einem neuen Status umzugehen.
Auch deshalb formuliert er für die kommenden Monate kein großes Titelziel. Er will nicht zuerst über Ranglistenpunkte, Finals oder Turniersiege sprechen. Sein wichtigster Satz klingt viel einfacher: „Ich will einfach wieder Freude am Darts haben.“
New York kommt dafür zu einem passenden Zeitpunkt. Der Madison Square Garden ist für van Veen Bühne und Spiegel zugleich. Vor eineinhalb Jahren stand er davor. Jetzt steht er darin. Entscheidend wird sein, ob er dort nicht nur als niederländische Nummer eins auftritt, sondern wieder mehr wie der Gian van Veen, der sich selbst erkennt.










