Michael van Gerwen: Darum reicht sein B-Game nicht mehr

Michael van Gerwen kann noch immer Weltklasse spielen. Das ist nicht das Problem. Der Niederländer hat weiterhin Abende, an denen sein Scoring explodiert, seine Körpersprache sofort an alte Dominanz erinnert und Gegner kaum Luft bekommen. Wer ihn an solchen Tagen sieht, erkennt schnell: Das A-Game ist nicht verschwunden. Doch genau darin liegt auch der entscheidende Punkt. Die Frage ist längst nicht mehr nur, ob MVG noch immer Spitzenniveau erreichen kann. Die größere Frage lautet: Was passiert an den Tagen, an denen nicht alles passt?

Früher war genau das seine große Stärke. Der dreimalige Weltmeister musste nicht immer sein bestes Darts spielen, um Matches zu gewinnen. Sein B-Game war oft stark genug, um Gegner trotzdem zu kontrollieren, schwächere Phasen zu überstehen und Turniere tief zu spielen. Heute wirkt diese Sicherheit brüchiger. Der frühere Profi und TV-Experte Wayne Mardle hat diese Entwicklung sinngemäß auf den Punkt gebracht: Wenn van Gerwen sein A-Game spiele, könne er noch immer gewinnen. Das Problem liege darunter. Sein B-Game reiche gegen die absolute Spitze nicht mehr so zuverlässig wie früher.

Van Gerwen ist nicht einfach weg

Wer van Gerwen nur abschreibt, macht es sich zu einfach. Der 37-Jährige ist nicht plötzlich ein Spieler ohne Topniveau geworden. Dafür gibt es weiterhin zu viele Momente, in denen seine Klasse sichtbar bleibt. Auch einzelne Titel und starke Auftritte zeigen, dass er nicht aus der Weltspitze verschwunden ist. Aber die alte Selbstverständlichkeit ist weg. MVG wirkt nicht mehr wie ein Spieler, der selbst an mittelmäßigen Tagen automatisch durchkommt. Genau das verändert die Bewertung seiner Leistungen. Ein starkes Einzelmatch reicht nicht, wenn danach wieder ein schwächerer Auftritt folgt. Ein Titelmoment außerhalb der großen Ranking-Turniere löst nicht das Grundproblem, wenn die Konstanz auf den wichtigsten Bühnen fehlt.

Der Niederländer ist nicht einfach alt oder satt. Aber nach fast zwei Jahrzehnten im PDC-System stellt sich die Frage, ob die alte Selbstverständlichkeit noch zurückkommt. Das Problem ist nicht, dass er das Darts-Spielen verlernt hätte. Die Frage ist eher, ob ein Spieler nach so vielen Jahren an der Spitze noch dieselbe gnadenlose Konstanz abrufen kann wie in seiner dominanten Phase.

Genau diese Konstanz war früher sein Sicherheitsnetz. Wenn das A-Game da war, dominierte er. Wenn es nicht da war, gewann er trotzdem oft genug. Heute ist dieser zweite Teil das Problem.

Warum das B-Game früher sein Sicherheitsnetz war

Im Profidarts gewinnt niemand dauerhaft nur mit seinem besten Spiel. Selbst die größten Spieler haben Tage, an denen Timing, Doppelquote oder Scoring nicht perfekt zusammenpassen. Entscheidend ist dann, wie hoch die eigene Untergrenze liegt. Bei van Gerwen war diese Untergrenze jahrelang extrem hoch. Er konnte Matches gewinnen, obwohl er nicht brillant spielte. Er konnte Gegner mit Tempo, Präsenz und Erfahrung unter Druck setzen. Viele Partien kippten schon deshalb in seine Richtung, weil er in den entscheidenden Legs präsenter wirkte.

Diese Wirkung ist nicht mehr automatisch da. Gegner gehen heute anders in Matches gegen ihn. Die neue Spitze hat weniger Angst vor dem Namen, mehr eigene Firepower und mehr Erfahrung in großen Momenten. Spieler wie Luke Littler, Luke Humphries, Gerwyn Price, Stephen Bunting oder Josh Rock bestrafen schwächere Phasen schneller als viele Gegner in früheren Jahren.

Deshalb reicht ein ordentliches MVG-Niveau nicht mehr zuverlässig. Wo früher ein durchschnittlicher Abend noch für das Halbfinale oder Finale reichen konnte, wird heute schon eine kurze Schwächephase teuer. Es geht nicht darum, jedes Match mit einem 105er-Average zu gewinnen. Es geht darum, auch an weniger perfekten Tagen stabil genug zu bleiben, um nicht früh aus Turnieren zu fallen.

Die Zahlen verschärfen den Eindruck

Der Eindruck entsteht nicht nur aus einzelnen Matches. Seit seinem Titel bei den Players Championship Finals 2022 wartet van Gerwen auf einen weiteren Ranking-Major. In den vergangenen beiden Premier-League-Saisons gewann er nur einen Abend. Dazu kam zuletzt keine stabile Serie auf der Players-Championship-Bühne.

Ein aktuelles Beispiel zeigt, wie klein die Spielräume inzwischen geworden sind. In Liverpool verlor van Gerwen das Premier-League-Halbfinale gegen Luke Littler mit 5:6, obwohl seine Zahlen stark waren: 107,54 Average, neun 180er und mehrere dominante Legs. Das war kein B-Game. Aber gerade deshalb verschärft es die eigentliche Frage: Wenn selbst solche Auftritte gegen die neue Spitze nicht immer reichen, wie teuer werden dann erst die Abende, an denen van Gerwen nur durchschnittlich spielt? Das heißt nicht, dass der Niederländer keine Rolle mehr spielt. Aber es zeigt, dass sein normales Leistungsniveau nicht mehr denselben Ertrag bringt wie früher. Einzelne starke Wochenenden können diesen Befund nicht vollständig überdecken.

Gerade die Order of Merit macht diese Entwicklung gefährlich. Wer auf den großen Ranking-Bühnen nicht regelmäßig tief kommt, verliert irgendwann nicht nur Titelchancen, sondern auch Positionen. Bei einem Spieler wie van Gerwen fällt das besonders auf, weil sein Maßstab über Jahre ein anderer war. Früher war er der Spieler, an dem sich die Spitze orientierte. Heute ist er Teil einer Spitze, in der jeder schwächere Abend sofort Folgen haben kann.

Van Gerwen muss nicht beweisen, dass sein A-Game noch existiert. Das Problem liegt darunter. Wenn sein normales Niveau gegen die neue Spitze nicht mehr trägt, wird jeder kleine Abfall teuer. Genau deshalb entscheidet nicht der nächste Glanzabend über seine Zukunft an der Spitze, sondern die Frage, ob sein B-Game wieder gewinnt.

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