Gerwyn Price steht bei der Premier League Finals Night vor der vielleicht härtesten Aufgabe des Abends. Der Waliser geht als Vierter der Tabelle in die Play-offs im Londoner O2 und trifft im Halbfinale auf Luke Littler. Sportlich ist das ein Kracher – doch vor dem Duell stellt Wayne Mardle vor allem eine Frage: In welcher mentalen Verfassung kommt der „Iceman“ in dieses Halbfinale?
Price hat über die gesamte Premier-League-Saison hinweg gezeigt, dass er zur Spitzengruppe gehört. Zwei Tagessiege, starke Auftritte und immer wieder Phasen mit Weltklasse-Niveau brachten ihn sicher in die Finals Night. Gleichzeitig war seine Saison zuletzt von gesundheitlichen Themen, Absagen bei Players-Championship-Turnieren und wechselnden Eindrücken begleitet. Kurz vor den International Darts Open in Riesa kam nun die nächste auffällige Absage hinzu: Gerwyn Price zog seine Teilnahme vor Turnierbeginn zurück, Christian Kist rückte für ihn in die Auslosung.
Mardle stellt die mentale Frage
Wayne Mardle zweifelt nicht an der grundsätzlichen Klasse von Price. Im Gegenteil: Der Sky-Experte machte deutlich, dass Price jedes Turnier gewinnen könne, wenn er ans Board geht. „Wenn Gerwyn Price in ein Dartturnier geht, weiß er, dass er es gewinnen kann“, sagte Mardle sinngemäß.
Genau deshalb ist seine Einschätzung so interessant. Mardle stellt nicht die Qualität des früheren Weltmeisters infrage, sondern dessen aktuelle Ausgangslage. Gerwyn Price habe sich zuletzt selbst kleiner gemacht, über gesundheitliche Probleme gesprochen und viele Events ausgelassen. Mardles zentrale Frage lautet deshalb, ob Price gerade am tiefsten Punkt seiner Premier-League-Saison angekommen sei.
Die kurzfristige Riesa-Absage verändert diese Frage nicht grundsätzlich, sie macht sie aber sichtbarer. Price war nie ernsthaft in Gefahr, die Premier-League-Play-offs zu verpassen. Dennoch entsteht vor dem O2 ein ungewöhnliches Bild: Price ist dabei, Price ist gefährlich – aber er wirkt nicht so unerschütterlich wie in seinen besten Phasen.
Sheffield zeigte beide Seiten
Auch der letzte Abend der Ligaphase in Sheffield passte zu diesem Bild. Price startete stark und bezwang Gian van Veen im Viertelfinale mit 6:2. Dabei spielte er einen Average von 105,97 Punkten und zeigte noch einmal, welches Niveau jederzeit in ihm steckt.
Im Halbfinale gegen Stephen Bunting kippte der Eindruck jedoch wieder. Price verlor 3:6, zudem wurde die Partie durch einen störenden Zuschauer kurz unterbrochen. Bunting blieb danach stabiler und holte später auch den Tagessieg. Für Price blieb ein Abend mit starkem Beginn, aber ohne das ganz große Ausrufezeichen vor der Finals Night.
Nun fehlt Price auch in Riesa, wo er eigentlich als Rekordsieger der International Darts Open zu den prägenden Namen des Turniers gehört hätte. Viermal gewann der „Iceman“ das Event bereits. Dass ausgerechnet dieses Wochenende ohne ihn stattfindet, passt in die Reihe der offenen Fragen vor dem O2 – ohne dass daraus automatisch eine Prognose für das Littler-Spiel werden muss. PDC Europe führt Price in der Turnierhistorie als viermaligen Riesa-Sieger.
Genau das macht das Littler-Duell so spannend. Price muss nicht beweisen, dass er Darts spielen kann. Das ist längst klar. Er muss zeigen, dass er gegen den Tabellenführer sofort den richtigen Kopf, die nötige Energie und die Konstanz über ein komplettes K.o.-Match findet.
Littler wartet als größter Prüfstein
„The Nuke“ geht als Erster der Ligaphase in die Finals Night und trifft nun direkt auf Price. Für den „Iceman“ ist das Chance und Risiko zugleich. Ein Sieg gegen Littler würde sofort ein massives Signal setzen. Eine klare Niederlage würde dagegen die Fragen verstärken, ob Price im entscheidenden Moment wirklich bereit war.
Mardle schreibt ihn allerdings keineswegs ab. Laut Oche180 sagte er sinngemäß, Prices Genialität werde ihn am Ende immer durchbringen können. Und noch deutlicher: Wer Price abschreibe, sei ein Idiot.
Damit ist der Rahmen für das Halbfinale gesetzt. Price reist nicht als Favorit in dieses Duell, aber als Spieler, den niemand abschreiben sollte. Die Frage ist nach der Riesa-Absage nicht kleiner geworden. Sie lautet nicht, ob Gerwyn Price gut genug ist, Luke Littler zu schlagen. Die Frage ist, ob der „Iceman“ im O2 bereit genug ist, diese Qualität im entscheidenden Moment auch abzurufen.







