Eine Siegerin des Women’s World Matchplay, ein WDF-WM-Finalist und ein früherer UK-Open-Teilnehmer: So sieht das Kandidatenfeld aus, das bei „Beat Luke Littler“ um 501.000 Pfund spielen soll. Netflix bewirbt die Show als Chance für gewöhnliche Dartspieler. Doch bei Fallon Sherrock und Mitchell Lawrie klingt „Amateur“ eher nach einer geschickt gewählten Zulassungsregel als nach einer treffenden Beschreibung ihrer Fähigkeiten.
Am 30. Oktober tritt der zweimalige Weltmeister Luke Littler im Manchester Central gegen ausgewählte Herausforderer an. In jedem Duell geht es um genau ein Leg 501. Wer den 19-Jährigen als Erster schlägt, erhält den Jackpot. Auf der offiziellen Netflix-Seite werden 24 Kandidaten genannt, die zunächst um 20 Plätze kämpfen. Das verspricht einen spannenden Kampf David gegen Goliath. Nur haben einige dieser Davids längst selbst große Darts-Bühnen erlebt.
Sherrock und Lawrie: Wie viel Amateur steckt in diesen Lebensläufen?
Fallon Sherrock gewann 2022 das Women’s World Matchplay. Bereits 2019 schrieb sie bei der PDC-WM Geschichte, als sie Ted Evetts und Mensur Suljović besiegte. Im Juli 2026 erreichte sie erneut das Matchplay-Finale; auch für die nächste Weltmeisterschaft hat sie sich qualifiziert. Die „Queen of the Palace“ kennt volle Hallen, Fernsehkameras und Matchdarts unter höchstem Druck.
Natürlich besitzt Sherrock keine Tour Card. Aber wer daraus ableitet, sie sei sportlich mit einer Gelegenheitsspielerin vergleichbar, blendet ihre Karriere aus. Der Amateurstatus mag auf dem Bewerbungsformular stehen. Auf dem Dartboard sieht die Sache anders aus.
Bei Mitchell Lawrie wird das Etikett nicht überzeugender. Der erst 15-jährige Schotte erreichte 2025 das Finale der WDF-Weltmeisterschaft der Erwachsenen und gewann bereits zwei Jugendweltmeistertitel. Bei der WM warf er 56-mal die 180 und erzielte über neun Partien einen Drei-Dart-Average von 93,15 Punkten. Selbst gegen Littler hat er schon gespielt und eine knappe Niederlage kassiert. Gegenüber der Scottish Sun erklärte er: „Ich habe schon einmal gegen ihn gespielt – er besiegte mich mit 3:2, und ich vergab Matchdarts gegen ihn.“
Ein Jugendlicher, der dem Weltmeister Matchdarts abgerungen hat, ist gewiss ein Außenseiter. Ein unerfahrener Hobbydarter ist er nicht. Weil Lawrie bislang zudem zu jung für eine reguläre Tour Card war, sagt deren Fehlen über seine sportliche Klasse besonders wenig aus.
Netflix verkauft ein Amateurmärchen – die Regeln erzählen ein anderes
Die Teilnahmebedingungen schließen Spieler aus, die eine PDC Tour Card besitzen oder früher besessen haben. Sherrock und Lawrie dürfen also antreten. Daran gibt es nichts auszusetzen. Dieses Kriterium misst aber eine Spielberechtigung für den professionellen PDC-Circuit, nicht das gesamte Können. Gerade im Frauen- und WDF-Darts sind internationale Erfolge ohne Tour Card möglich.
Auffällig ist die Außendarstellung. Netflix spricht im Aufmacher seiner Ankündigung von gewöhnlichen Dartspielern aus Großbritannien. Wenige Absätze später erwähnt der Streamingdienst ausdrücklich Kandidaten aus Großbritannien und weiteren Ländern. Mit Jarod Becker aus Hildesheim, Théodore Wallich aus Frankreich und dem australischen Jockey Zac Spain stehen solche Bewerber tatsächlich auf der Liste.
Netflix verschweigt diese Herkunft also nicht und verstößt damit auch nicht gegen ein erkennbares Versprechen, ausschließlich Briten zuzulassen. Aber der einprägsame Werbesatz vom gewöhnlichen britischen Hobbyspieler erzählt eben nur die halbe Geschichte.
Der 14-jährige Jayden Walker gewann bereits ein WDF-Ranglistenturnier der Erwachsenen, Bhav Patel kennt die PDC-WM. Tony Cole aus Wales soll dagegen noch nie ein Dartmatch gegen einen anderen Menschen gespielt haben. Alle stehen unter demselben Etikett, obwohl ihre Wettkampferfahrung kaum unterschiedlicher sein könnte.
Schon das Casting war kein harmloses Kneipenspiel: 501 Punkte mussten in höchstens 24 Darts ausgecheckt werden, entsprechend einem Leg-Average von mindestens 62,63 Punkten. Anschließend folgten Gespräche und eine Bewertung durch eine Jury mit Phil Taylor, Barry Hearn und Laura Turner. Gesucht wurde also ausdrücklich auch sportliche Qualität – nicht bloß die beste Geschichte für die Kamera.
Mark Pooke zeigte, wie weit manche Bewerber über der Mindesthürde liegen. Der frühere UK-Open-Teilnehmer beendete sein Casting-Leg mit zwölf Darts, einem Leg-Average von 125,25 Punkten. Das beweist keine konstante Weltklasse, macht aber die Bandbreite deutlich. Pooke möchte auf die PDC-Tour zurückkehren und erklärte gegenüber der Nachrichtenagentur Press Association, veröffentlicht bei AOL: „Ich habe nichts zu verlieren – so sehe ich das: Er muss mich schlagen, ich muss ihn nicht schlagen.“
Wer solche Bewerber zu gewöhnlichen Amateuren zusammenfasst, benutzt eine formal korrekte Bezeichnung, die sportlich wenig erklärt.
Ein Leg und 501.000 Pfund: Die Reihenfolge wird zur Lotterie
Der Reiz des Formats ist unbestreitbar. In einem einzigen Leg kann selbst Littler durch verpasste Doppel in Schwierigkeiten geraten. Ein Herausforderer braucht keine lange Siegesserie, sondern einige starke Aufnahmen und einen Treffer zum richtigen Zeitpunkt. Phil Taylor verteidigte das Konzept gegenüber Sky Sports: „Die Veranstaltung ist großartig, denn sie gibt Menschen die Möglichkeit, ihr Leben zu verändern.“
Damit hat Taylor einen Punkt. Netflix veranstaltet kein reguläres Ranglistenturnier und behauptet auch nicht, allen ein gleiches sportliches Prüfprogramm zu bieten. Das Format lebt als Unterhaltungsshow gerade von seiner Unberechenbarkeit.
Trotzdem hat die Dramaturgie einen Haken: Aus 24 Kandidaten werden zunächst 20 ausgewählt und anschließend in Gruppen eingeteilt und zufällig den Duellen zugewiesen. Sobald jemand Littler bezwingt, endet die Veranstaltung. Wer danach hätte antreten sollen, bekommt möglicherweise keinen einzigen Wurf.
Ein früher Herausforderer kann den Jackpot abräumen, während ein vielleicht stärkerer Spieler hinter ihm nie zum Zug kommt. Das mag gutes Fernsehen sein. Der Zufall entscheidet damit nicht nur über die Reihenfolge, sondern möglicherweise darüber, ob ein qualifizierter Teilnehmer überhaupt ans Oche treten darf.
Littler selbst erklärte in der offiziellen Netflix-Ankündigung: „Alle glauben, sie könnten mich schlagen. Jetzt bekommen sie die Chance, es zu beweisen.“
Sherrock und Lawrie trifft daran keine Schuld. Beide erfüllen die Teilnahmebedingungen und haben sich ihre Erfolge erarbeitet. Netflix wiederum darf eine packende Unterhaltungsshow inszenieren. Nur sollte man dabei den Unterschied zwischen einem Hobbyspieler und einem international erfahrenen Turnierspieler nicht hinter dem Wort „Amateur“ verschwinden lassen. Die Show kann spektakulär werden. Ein reines Amateurmärchen ist sie deshalb noch lange nicht.










