Fallon Sherrock nach Littler-Coup: „All den Hass überwunden“

Die erste Doppel-20 verfehlte sie knapp. Der zweite Versuch saß – und plötzlich war Fallon Sherrock um 501.000 Pfund reicher. Mit einem 15-Darter bezwang die Engländerin am Freitagabend (30. Oktober) Luke Littler bei „Beat Luke Littler“ in Manchester. Vierzehn Herausforderer hatte der zweimalige Weltmeister zuvor geschlagen. Sherrock nutzte ihre Chance und beendete die Netflix-Show vorzeitig.

„Ich habe es noch gar nicht richtig realisiert“, erklärte die 32-Jährige wenige Minuten nach ihrem Triumph gegenüber Darts World. Lange habe sie befürchtet, überhaupt nicht mehr zum Einsatz zu kommen. Hinter der Bühne verfolgte sie die anderen Duelle, während Littler einen Gegner nach dem anderen bezwang.

Als Sherrock schließlich an der Reihe war, ließ sie sich die Gelegenheit nicht entgehen. Sie gewann das Ausbullen, brachte sich mit einer 180 in eine hervorragende Ausgangsposition und spielte bei 43 Punkten Rest bewusst die einfache Drei, um zwei Versuche auf die Doppel-20 zu erhalten. „Diese 180 fühlte sich unglaublich an und nahm mir etwas Druck. Ich wollte einfach nur ein Doppel stehen lassen“, erklärte Sherrock. Der erste Versuch auf Tops sei knapp am Draht gelandet und habe ihr eine gute Orientierung gegeben. Als der nächste Dart sein Ziel traf, sei das Gefühl unbeschreiblich gewesen.

Besonders emotional wurde es für Sherrock, als ihr Sohn Rory die Bühne betrat. Er hatte seine Mutter erstmals bei einem großen Bühnenauftritt live erlebt – und ausgerechnet ihren wohl lukrativsten Sieg miterlebt. „Ich war nach dem Sieg sehr emotional. Dass Rory dabei war und mich zum ersten Mal live auf einer großen Bühne gewinnen gesehen hat, war etwas ganz Besonderes“, sagte Sherrock.

Das Preisgeld werde ihr Leben verändern. Konkrete Pläne habe sie noch nicht, die Zukunft ihres Sohnes stehe für sie jedoch im Mittelpunkt.

Sherrock verteidigt ihren Sieg – die Amateur-Debatte bleibt

Die emotionalen Bilder aus Manchester erzählen allerdings nur einen Teil der Geschichte. Schon vor dem ersten Dart hatte Sherrocks Teilnahme für Diskussionen gesorgt. Schließlich war „Beat Luke Littler“ von Netflix ausdrücklich als Chance für gewöhnliche Amateurspieler beworben worden.

Mit Sherrock stand jedoch eine Frau am Oche, die bereits 2019 als erste Spielerin ein Match bei der PDC-Weltmeisterschaft gewann, damals bis in die dritte Runde vorstieß und seither zu den bekanntesten Gesichtern des Frauen-Darts gehört.

Formal war ihre Teilnahme völlig korrekt. Die Regeln schlossen Spieler aus, die jemals eine PDC Tour Card besessen hatten. Sherrock erfüllte diese Voraussetzung und hatte sich zudem in einer Publikumsabstimmung gegen den Deutschen Jarod Becker durchgesetzt. Doch eine fehlende Tour Card sagt wenig darüber aus, wie viel Erfahrung ein Spieler tatsächlich mitbringt. Das zeigte nicht nur Sherrocks Teilnahme. Mit Mitchell Lawrie gehörte auch der Weltranglistenerste der WDF zum Aufgebot.

Sherrock selbst machte nach ihrem Erfolg deutlich, wie sehr sie die öffentliche Kritik beschäftigt hatte „Es war hart, denn natürlich bekomme ich die Gegenreaktionen und all die negativen Kommentare mit“, sagte sie gegenüber der Nachrichtenagentur Press Association. Sie betonte, dass sie nie eine Tour Card besessen habe und sich selbst nicht wirklich als Profispielerin sehe. Schließlich spiele sie Darts vor allem aus Freude am Sport. „Ich bin einfach so glücklich, all den Hass überwunden und gewonnen zu haben“, erklärte Sherrock.

Dabei muss zwischen persönlichen Anfeindungen und sachlicher Kritik unterschieden werden. Dass Sherrock die Regeln erfüllt hat, steht außer Frage. Ob die Regeln zum beworbenen Amateur-Charakter der Veranstaltung passen, ist dagegen durchaus diskussionswürdig. Auch PDC-Präsident Barry Hearn verteidigte die Auswahl der Teilnehmer. Die Veranstalter hätten bewusst auf sportliche Qualität gesetzt. Zwanzig völlig überforderte Gegner wären schließlich kaum im Sinne eines spannenden Fernsehabends gewesen.

Das Argument ist nachvollziehbar. Netflix wollte Unterhaltung, Spannung und einen großen Moment. Den hat die Show bekommen. Gleichzeitig offenbart gerade Sherrocks Sieg den Widerspruch zwischen dem Bild des gewöhnlichen Hobbyspielers und einem Teilnehmerfeld, zu dem auch international erfahrene Turnierspieler gehörten.

Sherrock daraus einen Vorwurf zu machen, wäre falsch. Sie hat weder die Regeln festgelegt noch die Sendung als Amateur-Wettbewerb vermarktet. Sie hat sich beworben, qualifiziert und am Ende die entscheidenden Darts geworfen.

Ihr Triumph ist deshalb sportlich verdient. Die Diskussion über das Teilnehmerfeld wird dadurch allerdings nicht automatisch hinfällig. Sieben Jahre nach ihrem historischen WM-Durchbruch hat Sherrock erneut einen Moment geschaffen, der ihr Leben verändern dürfte. Diesmal nicht durch einen Sieg bei einem Ranglistenturnier, sondern durch ein einziges Leg gegen den amtierenden Weltmeister.

Den entscheidenden Dart hat Sherrock selbst geworfen. Das Amateur-Etikett haben andere vergeben.

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